Chinatown Zürich

Chinesen lieben Zürich. Und Zürcher Hoteliers lieben die Chinesen. Die vielen neuen Gäste aus Fernost stimmen die Tourismusbranche optimistisch.

 

Beim Fraumünster steigt eine Reisegruppe aus einem Kleinbus, am Central studiert ein Paar den Stadtplan, und im Rheinfelder bestellt eine Familie das berühmte Cordon bleu. Alles Touristen, alle aus China. Was die Branche in Zahlen ausdrückt, bestätigt ein Besuch im Zürcher Niederdorf: 20 Prozent mehr Gäste aus der Volksrepublik China als noch im Vorjahr machen hier Ferien. Voller Euphorie twitterte Jürg Schmid, der Direktor von Schweiz Tourismus: «Der Turnaround scheint geschafft.»

 

Die Urlauber aus Fernost sollens also richten. Das erfordert Anpassungen der Gastgeber. «Chinesen zu Gast in der Schweiz» heisst eine Broschüre von Hotellerie Suisse, eine Art Knigge für den Umgang mit asiatischen Touristen. Im Vorwort steht: «Die reisefreudige chinesische Mittelklasse wächst, staatliche Beschränkungen werden weiter gelockert.» Um davon profitieren zu können, gelte es, ein paar Regeln einzuhalten.

 

Darunter selbstverständliche: «Behandeln Sie Ihre chinesischen Gäste mit Respekt.» Aber auch exotisch anmutende: «Geben Sie Ihren chinesischen Gästen kein Zimmer im 4. Stock, denn diese Zahl wird mit Unglück oder gar Tod in Verbindung gebracht.» Und ein paar skurrile: «Hissen Sie die richtige Fahne der Volksrepublik China!» Gemäss Zürich Tourismus stellen immer mehr Zürcher Institutionen Angebote für Chinesen zur Verfügung. Zum Beispiel das Landesmuseum mit seinem chinesischen iPad-Führer. Chinesisch sprechende Réceptionisten seien ebenfalls keine Seltenheit mehr.

 

Nudeln zum Frühstück

 

Auch an Hotelfachschulen wird gelehrt, wie Asiaten ticken. Das Institut im Belvoirpark etwa bietet zusammen mit dem Museum Rietberg Seminare an, in denen Studenten die chinesische oder indische Mentalität, Essgewohnheiten und Verhaltensweisen kennen lernen. «Es gehört zur Ausbildung angehender Hoteliers, sich mit den verschiedensten Kulturen auseinanderzusetzen», sagt Schuldirektor Paul Nussbaumer. Geübt wird vor Ort, etwa im Restaurant Suan Long in der Enge, mit einem chinesischen Probanden. Lektion 1: Nicht direkt in die Augen des Gegenübers schauen. Dies gilt in China als offensiv. Lektion 2: Auf das Frühstücksbuffet gehören Nudeln und eine Kanne heisses Wasser.

 

Die Eigenheiten internationaler Klientel sind auch Unterrichtsstoff an der Barfachschule Zürich. «Asiaten sind ziemlich tricky», sagt Geschäftsführer Alex Armbrüster. Nicht bezüglich Angebot – hier würden Chinesen «klare Sachen», bevorzugen, Schnäpse, wie sie sie aus der Heimat kennen. Wenn Cocktails, dann mit Ginseng oder Ingwer. Eine Herausforderung ans Barpersonal stelle mehr das Trinkverhalten dar. So darf ein Glas nie leer sein, das ist unhöflich. «Bei uns schenkt man dezenter nach», sagt Armbrüster. Gar als grobe Beleidigung würden es Chinesen empfinden, wenn der Barkeeper einen spendierten Drink ausschlage. «Wir empfehlen deshalb, stets eine gute Ausrede parat zu haben. Medikamente, die man nehmen müsse, zum Beispiel.»

 

Der Gastroprofi ist jedoch entschieden dagegen, dass sich ein Gastgeber komplett den Gepflogenheiten seiner Gäste anpasse: «Ein Land verkauft sich, wenn es nur auf die Zielgruppe hinarbeitet.» Das indische Restaurant auf dem Jungfraujoch hält Armbrüster deshalb für grenzwertig.

 

Sorge um den guten Ruf

 

Als ebenso grenzwertig wird oft das Benehmen chinesischer Touristen eingestuft. Auch von den Chinesen selber. Das hat die Kommunistische Partei dazu bewogen, im Mai dieses Jahres ein Schreiben zu publizieren, das Touristen an die «Regeln zivilisierten Benehmens» erinnern soll. Ein paar Tage zuvor sorgte in China die Geschichte eines 13-jährigen Jungen für Empörung, der seinen Namen auf einen Tempel im ägyptischen Luxor geschrieben hatte. Die Regierung bittet ihre Landsleute, auf lautes Sprechen in der Öffentlichkeit zu verzichten. Ebenfalls zu unterlassen sei das Jagen, Verletzen oder Füttern von wilden Tieren.

 

Die «South China Morning Post» ging darauf der Frage nach, weshalb chinesische Touristen so grob («rude») seien. Und kommt zum Schluss: Die Bildung macht den Unterschied. Wer weder Sprache noch Gepflogenheiten eines Landes kenne, gerate schneller in Gefahr, in Fettnäpfchen zu treten.

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